Die Staubschicht

Der riesige Tagebau ist einer der größten in Europa und hat die fünftgrößten Reserven der Welt an Braunkohle, welche zwei längst überholte Kraftwerke füttert. Eines davon ist Kosovo A, die größte alleinstehende Quelle für Verschmutzung in ganz Europa. Wie Venen aus einem hungrigen Rohstoffkrater fressen sich Förderbänder mit Braunkohle an die Oberfläche und zerstören das Landschaftsbild. Diese gigantische Maschinerie ist schreckenerregend und spannend zugleich, wir wissen nicht, ob unser Blick vor Horror oder Faszination erstarrt.

Lesezeit: circa 25 Minuten

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An einem bewölkten Nachmittag im März spazieren wir um den Tagebau auf der Suche nach der einzigen Schule in der Umgebung, von der wir am Vortag während eines Gespräches mit umgesiedelten Bewohnern in Hade e Re, (oder Neues Hade), erfahren haben. Die Schule in (Alt-)Hade ist das einzig administrative Gebäude des langsam verschwindenden Dorfes. Ansonsten sieht man nur Wohnhäuser: neue, alte und verlassene. Von außen betrachtet macht es einen sauberen, soliden Eindruck, aber die Leere, die Kahlheit und die Kälte kommen einem direkt entgegen, sobald man die Schule betritt. Früher war es ein Zentrum des Lebens und der Bildung, besucht von über 1.000 Schülern. Heute sind noch 50 übrig. Es sind Die Kinder der Familien, die geblieben sind, obwohl die Umsiedelung, bereits vor Jahren begonnen, aber bis heute immer noch nicht abgeschlossen wurde.

Dior Preniqi ist sechs Jahre alt. Obwohl er im Einschulungsalter ist, nimmt er bereits am Unterricht der dritten Klasse teil. Es gibt zu wenig Schüler und Schülerinnen, um sie nach Alter zu trennen.

„Als ich ihn aus meiner Obhut geben musste, wurde mir klar, dass es keine anderen Schüler in seinem Alter gab. Er war alleine. Ich war so betrübt, dass ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte“, erklärte uns Diors Mutter Leda, „aber mittlerweile hat er Freunde gefunden und ich bin wirklich froh, dass er in der dritten Klasse zurecht kommt. Er findet die Aufgaben für sein Alter sogar zu einfach und fragt nach schwereren.“

Die Insel der vergessenen Kinder

Besa Caka unterrichtet Englisch an der Schule in Hade. Sie lebt in Pristina und fährt jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit. Obwohl Hade nur etwa 13 km von der Hauptstadt entfernt ist, benötigt Besa mehr als eine Stunde um zur Schule zu gelangen.

"Es fühl sich an wie neben einem Vulkan. Du kannst dir nie sicher sein, was der nächste Tag bringt."

Der erste Präsident von Kosovo, Ibrahim Rugova, wird als Nationalheld gefeiert. Herr Rugova hat früher an der Schule in Hade unterrichtet und es scheint, als ob auch dieses Vermächtnis sich langsam in Staub verwandelt. Denn an der Schule gibt es keine Erinnerungstafel, geschweige denn eine Statue. Der Kosovo ist wirklich ein außergewöhnliches Land.

Besa unterrichtet hier seit über einem Jahrzehnt und musste mit ansehen, wie die Zahl der Schüler von Jahr zu Jahr zurückging. Sie glaubt nicht daran, dass sich die Situation noch irgendwann einmal bessern wird: „Die Zurückgebliebenen müssen früher oder später auch gehen, da die Ausgrabungslinie immer näher kommt“, sagt sie. Wie eine Küste, die langsam vom Meer abgetragen wird, so wird auch Hade verschwinden.

"Ich liebe es hier zu unterrichten. Außerdem ist es ein historischer Ort. Das ist die Schule, in der der erste Präseident Ibrahim Rugova Albanisch unterrichtet hat."

Trotz der tristen Landschaft mit all ihren schwarzen, braunen und grauen Facetten, malen der Erstklässler Dior und seine beste Freundin, die Drittklässlerin Mirjona optimische Bilder, mit grünenen Landschaften, Häusern und quirligen Menschen. Auch wenn sie sehr jung sind, haben sie keine Zeit auf den „Stummen Frühling“ zu warten. Eigentlich hat das niemand in Hade. Sie müssen weiter atmen, nach vorne blicken und versuchen ihr Leben, so gut es geht, zu bewältigen.

Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Die Lokalregierung warnt die Einwohner immer wieder, vor der drohenden Schließung der Schule. Fehlende Budgets und die immer weniger werdenden Schüler werden als Gründe genannt. Eine Unsicherheit, die vielen zu schaffen macht.

„Es fühl sich an wie neben einem Vulkan. Du kannst dir nie sicher sein, was der nächste Tag bringt“ sagt ein Lehrer. Die Bewohner dieses kleinen Schuluniversums tun alles, um das Umfeld so angenehm wie möglich zu gestalten. Bunte, erheiternde Zeichnungen schmücken die Räumen, auch die Wände wurden auf eigene Kosten und gemeinsam farbenfroh gestrichen. Dennoch ist das Gefühl des Verfalls allgegenwärtig. Es ist nicht einfach, sich Tag für Tag um die Schule zu kümmern und endlos Energie zu investieren, wenn es jeden Moment heißen könnte, dass du für immer gehen musst.

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Die Schule

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Fjolla: "Manchmal sind wir sehr müde."

Albiona und Fjolla sind Cousinen, beide in der neunten Klasse. Sie teilen mit uns ihre Pläne für die Zukunft nach dem Abschluss in der Schule in Hade. Viele ihrer Freunde haben das Dorf bereits verlassen. Als wir sie darauf ansprechen, senken sie nur den Kopf und kräuseln die Lippen: „Wir vermissen sie, sehr.“

Das Leben auf einem Pulverfass verändert die Prioritäten der Menschen. Albiona sagt, dass ihre größte Unruhe nicht darin besteht, dass es unerträglich riecht oder im Lärmpegel der Kräne, LKWs und Förderbänder, welche an sieben Tage in der Woche laufen. Es ist vielmehr der Gedanke daran, dass sie irgendwann gezwungen sein könnten, alles für immer zurückzulassen. „Es gab schon lange keine Investition mehr in unser Dorf. Die denken, dass es sich nicht lohnt und wir sowieso bald alle gehen werden“, sagt Albiola leise. Fjolla fügt hinzu: „Wir sprechen fast jeden Tag mit unseren Eltern über unsere Probleme, aber es scheint aussichtlos, wir finden keine Lösung für unser Dorf. Die Verschmutzung ist nun überall zu sehen. Aber wenn wir hier wegziehen - der Gedanke daran, unsere wenigen Freunde nicht mehr zu sehen und von ihnen getrennt leben zu müssen, ist unerträglich.“

Obwohl sie wissen, dass es sinnvoller wäre jetzt zu gehen, ist die emotionale Bindung einfach zu stark, um den letzten Schritt zu machen. Hierzubleiben aber bedeutet tagtäglich die giftige Staubschicht zu ertragen, welche sich in den Lungen festsetzt und unterschiedliche Krankheiten verursacht.

“Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!”

Bereits 2004 standen die ersten eingreifenden Veränderungen in Hade vor der Tür. Das Dorf liegt mitten in einem Braunkohlefeld, einem der größten und wertvollsten Europas. Es ist eine der dreckigsten, aber auch sichersten Energiequellen des Kosovo für die nächsten Jahrzehnte. Viele der Anwohner sahen keinen Ausweg als das Gebiet zu verlassen. Um die Knappheit an Ressourcen für den Energiesektor auszugleichen, stellte die Regierung des Kosovo bei der Weltbank einen Umsiedlungsantrag. Die Begründung: Staatsräson – das Interesse des Staates als übergeordnete Instanz vor den Bürgern. Dennoch schafften sie es nicht, den Bewohnern rechtzeitig mitzuteilen, wann, wie und wohin sie eigentlich gehen sollten. 13 Jahre später gibt es noch immer keine zufriedenstellende Lösung.

158 Familien wurden 2004 umgesiedelt, weil sie zu nah an der Miene wohnten und die Gefahr bestand, dass das Land wegrutschen würde. Viele davon wanderten aus. Die Benachrichtigung erfolgte erst eine Woche vor dem Umzug. Ungefähr 50 Familien wurden in vorübergehenden Wohnungen untergebracht. Diese maroden Bauten stehen in Obilic, einer Stadt circa 20 Minuten von Hade entfernt.

12 Jahre später leben viele von ihnen immer noch da.

Dajana Berisha, Geschäftsführerin des Forums für Zivilinitiative (FIQ), erklärt uns, dass diese „befreiten“ Stücke Land bis heute nicht für das Kraftwerk verwendet werden. Niemand wisse, ob hier überhaupt Braunkohle vorhanden sei.

Viele Familien verlassen weiterhin das Dorf, andere denken drüber nach. Was manche hält ist das Heimatgefühl. Trotz allem entstehen neue Häuser. Wieso dies möglich ist, weiß keiner. Als Begründung wird die höhere Kompensationssumme angegeben, welche der Staat zahlen muss, wenn die Menschen umziehen müssen. Ungefähr 60 Familien leben noch im aussterbenden Hade. Hoffnung ist alles was bleibt, an fließendem Wasser und konstanter Elektrizität mangelt es.

Dorfbewohner erklären immer wieder, wie hektisch und chaotisch die Umsiedlungsstrategie der Regierung war. Es wurden weder auf die persönlichen Bedürfnisse der Bewohner eingegangen, noch Versprechungen gehalten. Fünf Jahre später, 2009, traf die zweite, nicht weniger chaotische Umsiedlungswelle das Dorf.

Damals wurden 800 Stücke Land versprochen, aber bislang sind nur elf Familien von Hade nach Hade e Re (auch Shkabaj genannt) gezogen. Es hat sich fast nichts verändert. Noch immer gibt es keine voll funktionierenden Sanitäranlagen; Wasser und Elektrizität sind auch rar. Es fehlt an einfacher Infrastruktur, es gibt keinen Supermarkt, keinen Friedhof, keine Moschee und keine bereits langversprochene Schule. Hade e Re sieht auch nach all diesen Jahren mehr wie eine unfertige Siedlung als wie ein funktionierendes Dorf aus. Ein weiteres Projekt, das angefangen und dann einfach vergessen wurde. Sogar den Schultransport für die Kinder müssen die Mütter und Väter des Dorfes organisieren und selbst bezahlen.

Vehbi und Xhevat sind zwei Brüder, die in Hade geboren wurden und vor zwei Jahren nach Hade e Re umgezogen sind. Vehbi, der jüngere von beiden, arbeitet als Techniker und Hausmeister in der Schule in seinem Geburtsort. „Es war sehr schwer meine Heimatstadt zu verlassen, aber unser Staat benötigt dieses Gebiet“, erklärt uns Vehbi. Hade existiert seit mehr als 100 Jahren, doch trotz der historischen Geschichte und dem noch verbleibenden Optimismus wird das Dorf wohl früher oder später ausgelöscht. Die ersten zwei Jahre im Exil verbrachten die Brüder in einer Mietswohnung in Oblilic. Nun leben sie seit knapp zwei Jahren hier und so langsam fühlt es sich wie ein neues Zuhause an, geben sie uns zu verstehen.

Torvioll

Am ersten Tag unserer Recherche wussten wir nicht genau, wo wir anfangen sollten. Wir beschlossen nach Obilic zu fahren, da beide Kraftwerke zu dieser Gemeinde gehören. Die Woche sollte sehr intensiv werden. Besonders die Interviews in Wohnzimmern, Büros und auf der Straße ließen uns oft mit Gänsehaut oder sprachlos zurück.

Die Temperaturen an diesem Vormittag im März sind frostig, einzelne Sonnenstrahlen wärmen uns und auch der Spaziergang durch die Stadt hilft gegen die Kälte. Wir folgen unser Intuition und laufen einer längeren Straße nach. Am Ende hören wir bereits lautere Stimmen und sehen das Agron Rama Fußballstadion. Heute ist Spieltag. Der KF KEK hat ein Punktspiel in der Superliga.

Beide Teams machen sich schon warm und es dürfte wohl bald losgehen. Dennoch bekommen wir einige Minuten mit dem Kapitän des Teams, Torvioll Stullgaku, um ihm einige Fragen zu stellen. Er ist professioneller Fußballspieler, spielt seit elf Jahren und trainiert jeden Tag, manchmal sogar zweimal.

Was das besondere an dem Stadion ist in dem er spielt? Es steht wortwörtlich im Schatten des Kohlekraftwerkes Kosovo B, um genau zu sein, nur 1.6 km entfernt. Sitzt man auf der Haupttribüne des Stadions kann man den stummen Qualm in der ferne genau beobachten. Hypnotisierend, man vergisst fast, dass man in einem Fußballstadion sitzt.

Jeder Spitzensport beansprucht den Körper ungemein. Bei einem Konditionssport wie dem Fußball wird vor allem die Lunge stark belastet. Wir fragen Torvioll, wie es ihm und seiner Mannschaft mit dem Kraftwerk im Nacken ergeht. Torvioll ist 21 Jahre alt, und sofern er sich erinnern kann, hat es ihn nie direkt beeinflusst oder sein Training erschwert. Seit sein Team allerdings nach Brezovica, Durres, oder in ein Waldgebiet am Meer ins Trainingslager fährt, merkt er den Unterschied jedes Mal, wenn er wieder zurückkommt.

Alle sechs Monate müssen sich Spitzensportler im Kosovo einer medizinischen Untersuchung unterziehen, dabei werden die Knochen und Muskeln angeschaut. Dies ist verpflichtend für jeden Club, aber keiner der Spieler von KEK wurde einem Röntgentest unterzogen. „Lieber nicht“, lächelt Torvioll. Der vielversprechende junge Sportler wünscht sich zwar hier wegzuziehen, aber hält auch noch an seiner Heimat fest und hofft auf eine Verbesserung.

Torvioll nahm 2013 am Protest teil, als man sich gegen das neugeplante Kraftwerk Kosovo C zusammenschloss. Es beschäftigt ihn sehr, dass die Öffentlichkeit nicht besonders daran interessiert ist. Mindestens drei Proteste wurden seit 2016 organisiert, aber nicht viele Bürger nahmen an ihnen teil.

Am Ende des Gespräches bleibt nur der Optimismus: „Ihr seid hier immer herzlich willkommen. Hoffentlich ist die Umwelt sauberer, wenn ihr das nächste Mal hier seid.“ Wir blieben noch ein wenig, um uns das Spiel anzusehen. Es ist nicht möglich das Kraftwerk von der Tribüne zu übersehen, Dieses surreale urbane Monster hat gerade wieder Rauch und Dampf gespuckt und blubbert weiter vor sich hin.

„Ich träume davon weit weg zu wohnen, obwohl ich auch hier bleiben würde, wenn es besser wird, warum auch nicht? Aber für unsere Kinder gibt es hier wirklich keine Zukunft, die verschmutze Luft verursacht nur Krankheiten.”

Schluss mit der Kohle

Die Weltbank nimmt seit 2001 aktiven Einfluss auf die Energiepläne des Kosovo. Dabei spielt sie ein moralisch doppeldeutiges Spiel. „Nie Wieder Kohle“ heißt es von der einen Seite, unter bestimmten Voraussetzungen dann aber eben doch. Das Hintertürchen der Weltbank bleibt immer einen Spalt offen. Es gibt bestimmte Kriterien, die ein Land erfüllen muss, bevor es ein Darlehen bekommt. Schon allein die Zwangsumsiedelungsstrategie der Landesregierung im Kosovo stimmt nicht mit diesen Standards überein. Die Kritik der Weltbank bleibt aus. Aus diesem Grund hat die Zivile Vereinigung zur nachhaltigen Entwicklung im Kosovo (KOSID) den externen Experten, Dr. Ted Downey, eingestellt. Sein Abschlussbericht wurde vor kurzem vorgestellt.

Schau dir die zukünftige Lage von Kosovo C an (Scroll rechts + links)

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Obwohl mit der Erweiterung der Mine schon so viel Unmut geschaffen wurde, will die Regierung ein weiteres Kraftwerk mit einer Kapazität von 500 Megawatt bauen. Der Investor steht schon bereit. Jedoch beinhaltet das Angebot wohl einige fragwürdige Nebenverabredungen und Einschätzungen der Sachlage. Seltsamerweise gab es bis heute auch nur ein einziges Angebot für die Investition in ein neues Kohlekraftwerk. es kam von der New Yorker Firma ContourGlobal und wurde prompt akzeptiert. Als neue Rohstoffquelle für das Kraftwerk soll eine Fläche von über 15.000 Hektar dienen. Dies entspricht circa 16.000 Fußballfeldern. In dieses Gebiet fallen auch Hade und einige andere Dörfer in der Umgebung, insgesamt wären 7.000 Einwohner von einer möglichen Umsiedlung betroffen.

Die IEEFA ist ein amerikanisches Forschungsunternehmen und hat mit KOSID zusammen die finanziellen und ökonomischen Auswirkungen des geplanten Kraftwerks Kosovo C untersucht. In ihrem Abschlussbericht ‘The Proposed New Kosovo Power Plant: An Unnecessary Burden at an Unreasonable Price’, belegen sie, dass die Kosten für das Projekt sich auf mindestens 4.169 Milliarden Euro belaufen. Die Weltbank oder andere internationale Institutionen müssten den Großteil dieses Projektes subventionieren – 1.169 Milliarden mehr als die eigentlich geplanten drei Milliarden – um die Zinsen für das Kraftwerk niedrig zu halten. Die Fördermittel müssten eigentlich noch höher sein, um den Strom für die Bevölkerung des Kosovo bezahlbar zu machen. Frühere Wachstumsplanungen nahmen Zahlen als Grundlage, welche bis heute noch nicht erreicht wurden, auch die Prognosen entsprechen nicht der Realität. Die Energiepreise sind sowieso schon sehr hoch - sollte das Kraftwerk nicht die versprochene Leistung erbringen, würden sie weiter in die Höhe schnellen. Die Leistungsversprechungen von Kosovo C wurden bereits zweimal nach unten korrigiert. Es scheint höchst wahrscheinlich, dass die Energiekosten um über 50 Prozent steigen könnten, so Tom Sanzillo, Finanzdirektor der IEEFA. Damit wären die Energiekosten im Kosovo doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt.

Obiliq und KEK

Im Umweltrecht gilt ein „Der Verschmutzer zahlt“-Prinzip, welches die Firma verpflichtet, Kosten, die durch Umweltschäden entstehen, zu begleichen. Im Kosovo hingegen hat es sich zu einem „Bürger zahlt“-Prinzip gewandelt. Durchschnittsverdiener geben demnach 12.9% ihres Jahreseinkommens für Elektrizitätskosten aus, Niedrigverdiener bis zu 18% und die untere Bevölkerungsschicht bis zu 40%, wie aus einem IEEFA Bericht hervorgeht. Sollte Kosovo C nicht das leisten, was es verspricht, wird Strom zu einem Luxusartikel im Kosovo, den sich nicht mehr jeder wird leisten können, schon heute trifft dies vielfach zu.

Beide Kraftwerke befinden sich in der Gemeinde von Obilic. Der Bürgermeister, Xhafer Gashi, lebt selbst mit seiner Familie in diesem konterminierten Gebiet und beschreibt die Kooperation zwischen der Gemeinde und dem Energiebetreiber KEK (Energiekooperation Kosovo) als authentisch. Anmerken muss man, dass KEK von der Energieregulierungsbehörde verwaltet wird, oder in anderen Worten, von der Regierung in Pristina.

Obilic arbeitet eng mit dem Kraftwerkbetreiber zusammen, sagt Bürgermeister Gashi: „Wir haben schon immer gemeinsame Anstrengungen mit KEK unternommen. Manchmal nutzen wir ihre Maschinen um Mülldeponien zu reinigen oder wir arbeiten bei den medizinischen Kontrollen der gesamten Schüler in Obilic zusammen.

Letztes Jahr hat die Gemeinde zwei Anfragen an KEK gestellt. In der ersten ging es um die Investition von 300.000 Euro in Parkplätze, Parkanlagen sowie den Sport- und Kulturbereich. Die zweite betraf die Investition in zwei Straßen, eine in Hade, Kosten rund 200.000 Euro, sowie eine andere von Lajthishte nach Shipitol, die mit 500.000 Euro veranschlagt wurde. Bis heute sind beide Anfragen noch offen.

Gashi erklärt uns, dass es jetzt einen Antrag im Parlament gibt, Obilic einen Sonderstatus zu gewähren. Das Gesetz wurde von der Lëvizja për Bashkim Partei initiiert. Der Entwurf wurde bereits durch die erste Lesung gebilligt und wird nun in der parlamentarischen Kommission diskutiert.

Letztendlich versichert uns Herr Gashi, dass es keine weiteren Änderungen bezüglich Kosovo C geben wird, ohne die Öffentlichkeit zu Wort kommen zu lassen. „Wir nehmen an, dass wir nach dem Gespräch mit der Bevölkerung eine Einigung mit dem Investor finden werden. Wir beharren auch darauf, dass 90 Prozent der Mitarbeiter aus Obilic sind. Das Kraftwerk [Kosovo C] muss ökologischer werden, da uns der Zustand unserer Gemeinde sehr beunruhigt.“

Die Bürger auf der Straße bestätigen, dass sie mehrere Male zu Veranstaltungen eingeladen wurden, auf denen man über diese Anliegen sprechen habe sprechen wollen, bestätigen aber auch, dass viele Mitarbeiter in der Vergangenheit aus allen Teilen Kosovos kamen, aber nur wenige aus Obilic.

“Siehst du diesen Tisch, als ich am Morgen das Haus verlies haben sich hier Fingerhöhen Staub angesammelt…”

Das Leben im Schatten des Kraftwerkes Kosovo A

Vesel und Bahtije Kastrati wohnen seit über 50 Jahren gegenüber von Kosovo A, welches als schlimmste einzelstehende Quelle der Verschmutzung in Europa beschrieben wird. Es ist ein regnerischer und bewölkter Nachmittag und die Kastratis laden uns auf einen schwarzen Tee ein. Bahtije bringt noch ein paar Kekse. Wir befinden uns im Wohnzimmer eines Nebenhauses, welches für die Kinder gebaut wurde. Wir kennen Vesel und Bahtije erst seit einigen Minuten, aber im Kosovo ist das ganz normale Gastfreundschaft. Das Heißgetränkt gibt uns ein bisschen Wärme zurück. Es ist klirrend kalt in dem Gebäude.

Obwohl die Familie nur einen Katzensprung vom Kraftwerk entfernt wohnt, profitieren sie nicht von seiner Zentralheizung. Keiner in der Umgebung tut es. Alle Leitungen führen nach Pristina. Die Kastratis heizen ihre Räumlichkeiten mit Holz und Kohle. Ungefähr 50 Euro zahlen sie im Monat für Elektrizität und 500 Euro, zweimal im Jahr, für Holz und Kohle. Im Sommer kochen sie mit Gas.

"„Mit meinem Gehalt habe ich damals sieben Kinder großgezogen. Drei von ihnen leben mit ihrer Familie im Ausland. Aber in dieser katastrophalen Situation heutzutage, ist es für junge Leute unmöglich einen Job zu finden.“"

Vesel hat für KEK über 30 Jahre lang im Tagebau in Hade gearbeitet. Er erzählt, dass es nicht immer einfach gewesen ist, da es wenig Mechanisierung gab, aber er hat die Zeit in guter Erinnerung behalten. Trotz dieser Zeit sind die Kastratis nicht an das zentrale Heizungssystem des Kraftwerkes angeschlossen. Im Jahr 2004 hatte Vesel zwei Herzinfarkte, die er nicht mal bemerkt haben will. Er glaubt es kam von der harten Arbeit, dem ständigen Stress und auch durch die Umweltbelastungen um ihn herum.

Beide sind sich einig, dass es heute weitaus sauberer und staubfreier ist als in der Vergangenheit und eventuell liegt es an den neuen Filtern im Kraftwerk. Allerdings vermuten sie, dass diese nachts ausgeschaltet werden. Der Geräuschpegel nimmt zu und auch der Rauch wird mehr.

Rinora Gojani, ehemalige Leiterin des Institutes für Entwicklungspolitik (INDEP), erklärt uns, dass Filter die Kapazitäten des Kraftwerkes drosseln. Um also mehr Energie zu gewinnen zu können, kann es durchaus möglich sein, dass sie nachts ausgeschaltet werden. Vesel war sein ganzes Leben lang Raucher, Bahtije hingegen hat noch nie einen Zug genommen. Ein Arzt hat beide Lungen des paares untersucht und festgestellt, dass diese in einem fast identischen Zustand sind.

Der Kosovo ist ohne Zweifel eine Rauchernation, und rein wissenschaftlich ist es schwer die Unterschiede zwischen dem Rauchen und der Luftverschmutzung in der Lunge aufzuzeigen. Dennoch gibt es eine Vergleichsstudie von Pristina und Prizren, welche fast die gleiche Einwohnerzahl haben (Zensus 2011). Das Raucherverhalten ist auf dem gleichen Niveau, dennoch ist das Vorkommen von Lungenkrebs in Pristina zweimal so hoch; 2010 gab es 35 neue Fälle im Vergleich zu 18 in Prizren.

Aufzeichnungen in der Klinik für Lungenerkrankungen in Pristina zeigten für Obilic im Jahr 2009 im Vergleich zum nationalen Durchschnitt die zweifache Anzahl an Lungenkrebs. (27.84 vs. 12.3 pro 10.000 Einwohner). Die Weltbank hat zudem beunruhigende Statistiken veröffentlicht. Über 100 Millionen Euro wurden demnach von Kosovaren im Ausland für medizinische Untersuchungen und Behandlungen ausgegeben.

Eigentlich geht es den Anwohnern um viel mehr als nur Geld. Es geht um die wahren Kosten: ihre Gesundheit, um ihre Umwelt und um ihre fehlende Infrastruktur. Diese Dinge werden sich weiter verschlechtern und die Anwohner müssen darunter leiden.

Umwelt & Gesundheit

Die Verschmutzung kommt von der Generation Braunkohle, von der veralteten Technologie, der Fehlnutzung von Elektrizität und den fehlenden Alternativen. Die am stärksten verschmutzte Gegend ist der Südwesten von Kosovo, wo jedes Jahr 835 vorzeitige Tode aufgezeichnet werden. Lungenkrebs ist die häufigste bösartige Krebsart und betrifft 11.8 Prozent der männlichen Bevölkerung.

Im Jahresbericht des Institutes für Gesundheitswesen (IPH) von 2011 zeigt sich dies noch klarer. Atemwegserkrankungen sind in den Top 10 der häufigsten Krankheiten im Land. 53 Prozent der Kinder zwischen einem und fünf Jahren werden jährlich mit Atemwegserkrankungen diagnostiziert und circa die Hälfte von ihnen muss eine medizinische Behandlung im Krankenhaus in Anspruch nehmen.

In der Abteilung für Lungenerkrankungen in den Krankenhäusern des Kosovo, sind 21 Prozent der mit Krebs diagnostizierten Fälle Lungenkrebs. Im Onkologischen Zentrum des Universitätskrankenhauses macht die Zahl derer, die mit Lungenkrebs diagnostiziert werden sogar 40,7 Prozent aus.

Aus dem Jahresbericht des IPH 2011 geht außerdem hervor, welche die drei Hauptgründe für den schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung sind. Genannt werden die Lebensbedingungen, die schlechte Qualität des Trinkwassers und die Luftverschmutzung. Im gleichen Jahr veröffentlichte das Ministerium für Umwelt und Raumplanung einen Bericht, der den Energiesektor, das Verkehrswesen und die Industrie in die Verantwortung zog. Die größte Verschmutzung kam demnach von den zwei maroden Braunkohlekraftwerken.

Dr. Xhevat Pllana ist Arzt am Institut für Arbeitsmedizin in Obilic und zeigt uns Statistiken, welche zwischen 2005 und 2010 gemacht wurden. Hier ist zu sehen, dass 30 Prozent der KEK-Mitarbeiter an Atemwegserkrankungen leiden und sechs Prozent Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System haben.

Keep it Green

Im Dezember 2015 gründeten Gezim Pllana und Guxim Klinaku die NRO „Keep it Green“ („Mbaje Gjelbert“ in Albanisch). Ihr Ziel ist es, die Öffentlichkeit, meistens mittels Kunstprojekten, über Umweltthemen zu informieren. Beide wohnen in Obilic und sehen was täglich um sie herum im Kraftwerksdorf passiert. Keep it Green hat sieben Mitglieder, alle in ihren frühen Zwanzigern, und jedes bringt sich anders in die Aktivitäten mit ein.

„Die Idee der NRO entstand, als wir ein grünes Filmfestival auf dem Gelände von KEK machen wollten. Wir dachten, gerade hier macht das am meisten Sinn, da es laut Weltbank die meistverschmutzte Gemeinde Europas ist. Knapp ein Drittel der Bewohner hat Atemwegsbeschwerden. Als wir die NRO gründeten, ging es uns besonders um zwei Kernpunkte, den Umweltschutz und die Bevölkerung“, erklärt uns Guxim.

„Die hier lebenden Bewohner der Gemeinde sind die, die am meisten unter den Auswirkungen der schlechten Luft leiden müssen. Es geht uns vor allem darum, die Hoffnungslosigkeit und das tägliche Mühsal der Bevölkerung an die verantwortlichen Stellen weiterzuleiten. Bis Oblici staubfrei ist, wird eine Organisation wie unsere hier benötigt“, ergänzt Gezim.

Laut den Enthusiasten geht es nicht nur um die Luftverschmutzung, sondern auch um die Sicherheit der Bewohner. Im Jahr 2015 kam es in dem veralteten Kraftwerk Kosovo A zu einer Explosion, welche Fenster und auch nahegelegene Häuser zerstörte. Es gab auch Tote.

The open green area where Kosovo C is supposed to be built

Kein Einwohner von Obilic ist mit dem Zentralheizungssystem verbunden. Auch die Elektrizität, die in ihrer Gemeinde produziert wird, geht größtenteils nach Pristina. „Das ist eigentlich das Schlimmste. Wir, die hier großgeworden sind und unter der Luftverschmutzung leiden, bekommen nicht einmal etwas von der Wärme ab. Es sollte anders herum sein. Wir sollten es zuerst bekommen und erst dann alle anderen,“ kommentiert Gezim.

Man kann seine Emotionen sehr gut nachvollziehen, seine Familie muss auch mit Holz heizen. Immerhin leben sie in einem eigenen Haus mit Ofen. Plemetia ist nur eine kleine Ortschaft, eigentlich nur ein paar Häuser ein paar hundert Meter von Kosovo B entfernt. Dieses Gebiet ist weitaus stärker verschmutzt als andere Wohnsiedlungen. Hier sind vor allem Minderheiten untergebracht, die teilweise sogar Feuer in ihrer eigenen Wohnung machen müssen, um etwas Wärme abzubekommen. Sie haben keine Stimme, und für sie kämpft auch niemand. Sie sind nur ein weiteres Opfer der dreckschleudernden Monster.

Die dunkle, sich ausbreitende Fressmaschine wirkt oft weit entfernt, aber sie wächst stetig und Bewohner müssen sich nicht nur um ihre Gesundheit, sondern auch um ihre Existenz sorgen. Wie in einem Alptraum, der langsam wahr wird.

"Wir haben zwar nicht die nötigen Mittel um eine Recyclinganlage zu bauen, aber Zuversicht wie wir mit unserer Kunst etwas verändern können."

Über Uns

2013 höhrte ich das erste Mal davon, dass die Anwohner von Prischtina ernomen Mengen an Staub aus den veralteten Braunkohlekraftwerken ertragen müssen. Sie können Kleidung nicht einmal drausen trocknen und müssen die Fenster alle paar Tage putzen. Ich konnte es fast nicht glauben

2014 beschäftigte ich mich intensiver mit diesem Thema und war mir sicher, dass man dieses Thema aus einer individuellen Perspektive erzählen muss. Ich suchte nach einem Team und fand relativ schnell Anna und Adrian. Zusammen mit ihnen recherchierten wir 2014 und 2015 weiter. Ich kam mit einer Bewohnerin aus Prischtina in Kontakt und so setzte es sich langsam in Bewergung.

Mit genügend Recherche und einem Ansatz für die Berichterstattung bewarben wir uns bei der Robert Bosch Stiftung, genauer "Reporters in the Field" und bekamen den Zuschlag. Hier war sie nun, die chance einer Recherche nachzugehen, die uns wirklich wichtig war. 2016 im März war es soweit.

Wir, Lukas, Anna und Adrian hoffen euch die Lebensbedignungen der Menschen etwas näher zu bringen und verständlich zu machen, wie schädlich die Braunkohlekraftwerke sind.

Viel Spaß beim Lesen/p>

Lukas

Credits

Lukas Rapp ist visueller Journalist Anna Chashchyna ist Journalistin Adrián Blanco ist Journalist

Der Sprecher des Videos ist Neil Baird Das Dronenvideo ist von Tickmedia

Die Autorin der Albanischen Version ist Violeta Hyseni Kelmendi

Lignite Klingenberg Background Photo (CC)

Gefördert durch die Robert Bosch Foundation: Robert Bosch

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